Restrukturierungsexperten warnen vor Rückschritten bei Unternehmenssanierungen

Restructuring Roundtable bei Latham & Watkins

29. Oktober 2018

Hochkarätige Restrukturierungsexperten haben in einer Diskussionsrunde bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins LLP in Frankfurt deutlich vor Rückschritten im rechtlichen Rahmen für Unternehmenssanierungen in Deutschland gewarnt. Auch wenn das vor fünf Jahren in Kraft getretene Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) in der praktischen Umsetzung noch Unzulänglichkeiten aufweise, sei Rückschritt in Richtung des alten Insolvenzrechts in Deutschland nicht der richtige Weg, sagte Frank Grell, Leiter der deutschen Restrukturierungspraxis bei Latham & Watkins. Das ESUG hatte weitreichende Änderungen im Recht der Verwalterbestellung, der Eigenverwaltung und des Insolvenzplans vorgenommen. Forderungen, Sanierungen und die Bestellung von Verwaltern wieder stärker unter die Ägide der Gerichte zu stellen, seien kontraproduktiv, erklärten die Experten einstimmig. 

Die Runde bestehend aus Grell, dem bekannten Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz von SGP Schneider Geiwitz & Partner, Hans-Joachim Weidtmann von der Commerzbank und Thomas Steinberger, Partner bei PwC Germany, warnte davor, dass Unternehmen die vormals nach Großbritannien ausgewichen waren, um dem deutschen Insolvenzrecht zu entgehen, nach dem Brexit in die Niederlande abwandern und das dortige neue vorinsolvenzliche Sanierungsverfahren nutzen könnten. „Das Stigma Insolvenz besteht - zu Unrecht - nach wie vor. Wir müssen dem im Wettbewerb der Rechtsordnungen begegnen“, sagte Geiwitz. „Der gesetzliche Rahmen für Restrukturierungen darf sich in Deutschland nicht wieder zurück zu reinen Gerichtsverfahren bewegen. In der Eigenverwaltung ist der Sachwalter nur oft noch Kontrolleur, dem sollte durch gezielte Zuweisung von Sonderaufgaben stärker Rechnung getragen werden“, fügte er hinzu. Es sei notwendig, die Gläubigerautonomie zu stärken. Grell ergänzte: „Es ist gerade in Großverfahren entscheidend, den Gläubigern Planungssicherheit zu geben. Wenn das nicht gelingt, gehen die Verfahren ins Ausland.“ 

Die Experten waren sich einig, dass das konjunkturelle Umfeld im letzten halben Jahr für Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, wieder schwieriger geworden sei und mit einem Anstieg der Restrukturierungen gerechnet werden kann. Gerade im Zuge der Digitalisierung würden Geschäftsmodelle insbesondere von kleineren und mittleren Unternehmen häufiger in Frage gestellt, berichtet Commerzbank-Experte Weidtmann. Darunter seien auch Unternehmen, die schon vor mehreren Jahren bereits einmal restrukturiert worden seien und aufgrund niedriger Zinsen und günstiger Finanzierungen in einem positiven konjunkturellen Umfeld auch gut dagestanden hätte, ohne jedoch ihr Geschäftsmodell nachhaltig weiter zu optimieren. Solche Unternehmen sehen sich zunehmend erneuten Schwierigkeiten ausgesetzt und sind dann unter Umständen auch nicht mehr überlebensfähig.

Für die Banken ist es nach Angaben von Weidtmann zudem auch auf Grund der verschärften regulatorischen (z.B. ECB – NPL Guideline nebst in Planung befindlichem Addendum) sowie Accounting (IRFS 9) Anforderungen und der damit verbundenen steigenden Risikokapitalkosten schwieriger geworden, Restrukturierungsfälle ohne wirkliche Aussicht auf Gesundung langjährig zu begleiten. Dies gilt insbesondere auch für über viele Jahre laufende Insolvenzverfahren. „Die Frage, die sich die Banken stellen ist, wie lange begleiten wir ein derartiges Verfahren aktiv“, sagte er. „Der Aufwand ist oft sehr groß, weil wir heute viel aufwendigere Verfahren haben.“ Entscheidend sei zukünftig vermehrt Beantwortung der Frage, wie schnell man die erste große Recovery erzielen könne. Restquoten würden dann vermehrt an spezialisierte Fonds veräußert, deren Geschäftsmodelle darauf spezialisiert seien. Das ändere allerdings nichts daran, dass die Commerzbank auch weiterhin in schwierigen Zeiten zu ihren Kunden stünde und erfolgversprechende Restrukturierung begleitet. „In die Lücke, die dadurch entsteht, dass die Banken in einigen Fällen nicht mehr mit neuem Geld zur Verfügung stehen, stoßen heute zunehmend alternative Kreditgeber wie Direct Lending Fonds,“ fügte Grell hinzu.

Neben dem Handel und der Textilindustrie befindet sich auch die Automobilindustrie in einem grundlegenden Strukturwandel, sagte PwC-Experte Thomas Steinberger. Dies beziehe sich sowohl auf neue Antriebstechniken als Folge strengerer Abgaswerte, wie auch auf autonomes Fahren und verändertes Mobilitätsverhalten. „In den Jahren nach 2025 werden wir vollkommen andere Autos fahren als heute“, sagte er. Damit gerate die mittelständische Zulieferindustrie stark unter Druck. Unternehmen, die mit der Entwicklung neuer Technologien befasst seien, profitierten, während Zulieferer im Bereich vor allem des traditionellen Antriebsstrangs litten. „Langfristig wird die Elektrifizierung den klassischen Antriebsstrang ablösen“, sagte Steinberger. Autozulieferer mit technologieorientiertem Produktportfolio und Start-ups seien beliebte Targets von Investoren, die teilweise zweistellige Multiples auf Ebitda böten. Die Konsolidierung schreite im Automotive Sektor voran, einerseits durch Technologieentscheidungen, aber auch mittelfristig durch sinkende Stückzahlen im Verbrennungsmotor. 

Laut Geiwitz stehen die Insolvenzverwalter vor den größten Herausforderungen seit 1995. Der Verfahrensstand sei weiterhin sinkend, zugleich gebe es zu viele Insolvenzverwalter in Deutschland, was eine Fusionswelle unter Insolvenzverwaltern nach sich ziehe. Seit Einführung des ESUG habe sich zudem die Rolle des Sachwalters verändert, mit weniger Aufgaben und weniger Vergütung. Zugleich seien die neuen Verfahren komplexer und aufwendiger geworden, da der Schutzschirm intensiver in der Verwaltung sei. „Die Branche muss sich neu aufstellen“, so Geiwitz. Grell ergänzte abschließend, dass die Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung abgeschafft werden müsse. „Wir alle wollen, dass Anträge rechtzeitig gestellt werden, aber dafür bringt die Überschuldung nichts,“ erläuterte Grell, „Die bestehende Rechtslage ist nur ein Beschäftigungsprogramm für Berater, die in Restrukturierungen ständig die Fortführungsprognose dokumentieren müssten, ohne dass hier ein Mehrwert geschaffen würde.“ 

Die Runde war sich einig, dass im Zuge der Diskussion um die ESUG-Evaluation kein Rückschritt in alte Zeiten erfolgen dürfe und – gerade in Großverfahren – das Mitspracherecht der Gläubiger bei der Verwalter- oder Sachwalterauswahl nicht zugunsten von Gerichtsentscheidungen eingeschränkt werden dürfe. „Während die Kollegen in den Niederlanden an einem modernen Recht arbeiten, trauern einige in Deutschland den alten Zeiten nach,“ kritisierte Grell. Dem pflichteten Geiwitz und Weidtmann bei und sprachen sich gerade mit Blick auf den kommenden präventiven Restrukturierungsrahmen dagegen aus, besondere gerichtliche Anforderungen an die handelnden Personen zu stellen. 

 
 
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