Restrukturierungs-Roundtable bei Latham & Watkins

Die Experten Henning Block, Dr. Frank Kebekus, Oliver Kehren, Latham-Partner Frank Grell und Dr. Jörn Kowalewski diskutieren über die aktuelle wirtschaftliche Lage, Staatshilfen, zukünftigen Restrukturierungsbedarf und den Entwurf des Gesetzes zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts.

23. September 2020

COVID-19, Staatshilfen und Restrukturierungsbedarf – Ausblick auf Q4 und 2021 

Trotz umfangreicher Staatshilfen hat die COVID-19-Pandemie viele Unternehmen hart getroffen. Während einige Unternehmen sich derzeit mit der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht behelfen, gehen andere bewusst und proaktiv den Weg der Restrukturierung außerhalb oder innerhalb einer Insolvenz. Die Wirtschaft ist weiterhin stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen, doch auch weitere Themen wie der Brexit und die Wahlen in den USA werden die Wirtschaft bis Ende 2020 beschäftigen.

Die Experten Henning Block (Head of Restructuring DACH, Rothschild & Co), Dr. Frank Kebekus (Rechtsanwalt / Fachanwalt für Insolvenzrecht, Kebekus & Zimmermann), Oliver Kehren (Managing Director, Morgan Stanley) sowie Frank Grell (Partner und Leiter der deutschen Restrukturierungspraxis bei Latham & Watkins) und Dr. Jörn Kowalewski (ebenfalls Partner bei Latham & Watkins) diskutieren anlässlich eines Restrukturierungs-Roundtable über die aktuelle wirtschaftliche Lage, Staatshilfen, zukünftigen Restrukturierungsbedarf und den Entwurf des Gesetzes zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts.

Henning Block gibt zur Einleitung einen Überblick über die wirtschaftliche Lage und erläutert, dass das „Liquiditätsdoping“ aus den staatlichen Hilfsprogrammen gewirkt und eine unkontrollierte Insolvenzwelle verhindert habe. „Die deutschen Staatshilfeprogramme haben sehr gut gewirkt, wurden schnell umgesetzt und sind von Unternehmen gut angenommen worden. Zwar sehen wir deutlich erhöhte Restrukturierungsaktivität – eine extreme Restrukturierungswelle ist allerdings bislang ausgeblieben.“

Frank Grell weist darauf hin, dass neben den Staatshilfen auch die zum Jahresende auslaufende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht hilfreich gewesen sei. Hierzu ergänzt Frank Kebekus: „Wir werden mit Auslaufen der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Ende des Jahrs einen Anstieg der Insolvenzverfahren sehen.“ Die Frage sei allerdings, welche Art von Verfahren. „Wenn wir hier über eine Welle sprechen, wird es größtenteils die kleinen und Kleinstunternehmen betreffen, beispielweise Unternehmen in der Gastronomie und im Eventbereich.“ Bei den größeren Unternehmen werde die Entscheidung nicht von der formalen Aussetzung der Insolvenzantragspflicht abhängen, hier gehe es vielmehr um Finanzierungsfragen: Wie sieht die eigene Finanzierung aus, wie die generelle Finanzierungslandschaft, hat das Unternehmen genügend Luft, weitere Umsatzeinbußen verkraften zu können?  

Oliver Kehren erläutert, dass Investoren von COVID-19 überrascht wurden, dann aber gerade die Investoren, die ihre Hausaufgaben gemacht hatten, die fallenden Preise zum Einstieg nutzen konnten. Laut Oliver Kehren gab es nur ein sehr begrenztes Fenster von drei bis vier Wochen, bevor die sich die Preise wieder erholten. „Die Volumina, die in dieser Zeit der Marktkorrektur gehandelt wurden, waren erstaunlich“, so Kehren. Inbesondere Private Equity-Investoren hätten die Gelegenheit genutzt, Schulden ihrer Portfolio-Unternehmen günstig aufzukaufen und so den Wert der Beteiligungen aktiv zu erhöhen. 

Jörn Kowalewski bestätigt, dass mit Ausbruch von COVID-19 eine sehr intensive Zeit für Restrukturierer begonnen habe. COVID-19 wirke wie ein exogener Schock, der den sowieso schon vielfältig bestehenden Änderungsdruck für Unternehmen - gerade auch für Familienunternehmen - weiter erhöht habe. „Dies wird sicherlich so weitergehen und uns in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen“, so Kowalewski. 

Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts

Zudem diskutieren die Experten den aktuellen Referentenentwurf für das Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts, der laut Kowalewski durchaus ambitioniert, aber auch sehr wichtig sei als weiteres Werkzeug für die Herausforderungen der nächsten Jahre. „Mit dem präventiven Restrukturierungsrahmen kommt ein weiteres Tool, das es ermöglicht, in einer tatsächlichen Krise eine Sanierung außerhalb der Insolvenz zu ermöglichen und die Unternehmenssituationen zu stabilisieren“, führt Kowalewski aus. Frank Grell lobt den Entwurf als „großen Wurf“. Kebekus hingegen befindet das neue Regelwerk mit seinen mehr als 100 Normen als „recht komplex“. „Das ist schon sehr viel und an vielen Punkten alles andere als einfach.“ Die Regierung wolle den Unternehmen nach Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ab dem 1. Januar 2021 ein neues Instrument an die Hand geben. Grell und Kowalewski loben, dass der Entwurf nicht nur die EU-Richtlinie umsetzt, sondern ein eigenes schlüssiges Sanierungsregime vorlegt. So bekämen deutsche Unternehmen endlich ein Werkzeug für finanzielle Restrukturierungen und müssten dafür ihren Sitz nicht mehr ins Ausland verlegen. 

Frank Grell lenkt den Blick auf die durch Staatshilfen weiter gestiegene Verschuldung der Unternehmen. Henning Block wirft auf, dass einige Unternehmen voraussichtlich nicht in der Lage sein werden, die zusätzliche Verschuldung der KfW-Kredite zurückzuführen. Dies läge zum Teil an zu optimistischen Plänen hinsichtlich der Wiederaufholung des Geschäftes. „Gesellschaften, die konservativ geplant haben, werden es schaffen, die aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen“, so Block. „Für Unternehmen, die das nicht schaffen, ist das präventive Restrukturierungsverfahren sicherlich ein Werkzeug, um mit der hohen Verschuldung umzugehen.“ Frank Kebekus erklärt, dass es der Politik durchaus bewusst sei, dass die Staatshilfen nicht vollständig zurückgezahlt werden könnten. Oliver Kehren weist daraufhin, dass die Finanzierung über Darlehen mit Blick auf den Covid-19-Schock alternativlos gewesen sei. Block und Kehren heben hervor, dass aufgrund der Darlehensvergabe der Staat bei zukünftigen Restrukturierungen ein Mitspracherecht habe. Frank Grell gibt zu bedenken, dass der Staat nicht nur auf die Frage der Kreditrückzahlung schaue. „Staatshilfen haben Unternehmenszusammenbrüche vermieden und waren volkswirtschaftlich insgesamt positiv, da mit einer schnelleren Erholung der Wirtschaft Arbeitsplatzverluste vermieden und letztlich auch wieder Steueraufkommen erreicht werden könne.“ Kebekus merkt dabei kritisch an, dass einige Unternehmen, denen Staatshilfe gewährt worden sei, auch ohne Covid-19 dem Tod geweiht gewesen sein. Man müsse sorgsam abwägen, was mit diesen Unternehmen gemacht werden solle.

Ausblick

Die Experten stimmten überein, dass im vierten Quartal keine wesentlichen Änderungen zur derzeitigen Situation zu erwarten seien, deutlichere Auswirkungen kämen erst in 2021 zum Tragen. 

Für das vierte Quartal sieht Henning Block keine wesentlich erhöhte Restrukturierungsaktivität auf die Wirtschaft zukommen, dies sei eher ein Thema für 2021, weil man dann sehen werde, ob die Erholungsphase länger dauere als geplant und ob die Liquidität, die kurzfristig bereitgestellt wurde, ausreiche oder ob es dann zu umfangreicheren Restrukturierungsaktivität kommen werde. Dies beträfe dann insbesondere die Industrien, die auch generell vom Umbruch betroffen seien, wie beispielsweise die Automobilbranche. Auch Kowalewski führt an, dass es sich in 2021 zeigen werde, ob die Restrukturierungen außerhalb der Insolvenz gelingen und in welchem Maße es zu Insolvenzverfahren kommen müsse.

Oliver Kehren betont die anhaltende Volatilität der Märkte aufgrund der andauernden Pandemie und den weiteren großen Themen wie den Konjunkturprogrammen in den USA und der EU, der US-Präsidentschaftswahl und dem Brexit. Dies führe weiter zu Opportunitäten für Investoren und damit einer anhalten regen Investitions- und Debt Trading-Aktivität zumindest bis Ende 2020. Henning Block stimmt dem zu und weist auf den fortbestehenden Anpassungsbedarf der Wirtschaft aufgrund disruptiver Kräfte hin. 

Frank Grell betont abschließend, dass 2021 von Finanzrestrukturierungen unter Nutzung des neuen präventiven Restrukturierungsverfahren zu erwarten seien, während leistungswirtschaftliche Restrukturierungen weiter mit Hilfe von Schutzschirm und Insolvenz angegangen werden. „Unternehmen dürfen nicht den Fehler machen, sich nur auf COVID-19 zu konzentrieren und auf die Staatshilfe zur Überwindung dieser Krise zu vertrauen,“ so Grell, „sie müssen zudem weiter die anderen Themen wie die Konflikte im Nahen Osten und im Südchinesischen Meer, die Handelskonflikte mit China und den Brexit im Blick behalten.“



 
 
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